Dillingen: Die Grenze war fern. - Lesung, am Mo, 26. November

Rund um die Literatur im ehemaligen Reichsland Elsass-Lothringen des deutschen Kaiserreichs  geht es am Montagabend, 26. November 2018, um 19 Uhr im Dillinger Oswald-von-Nell-Breuning-Haus der KEB e.V., Friedrich-Ebert-Straße 14. ACHTUNG: Wegen Bauarbeiten wurde der Veranstaltungsort vom KEB@Punkt ins Oswald-von-Nell-Breuning-Haus kurzfristig verlegt! Vorgestellt wird „Die Grenze war fern – Elsaß-Lothringen im Spiegel der Literatur“, das druckfrische Lesebuch des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass der Saar-Universität. Zur Lesung laden die KEB-Saar, die Katholische Erwachsenenbildung im Kreis Saarlouis (KEB Dillingen) und das Literaturarchiv ein. Werkeinführung und Rezitation übernehmen die Herausgeber Professor Sikander Singh und  Dr. Hermann Gätje vom Literaturarchiv.
Die politische Symbolik und wirtschaftliche Bedeutung des ehemaligen „Reichslands Elsaß-Lothringen“ sind für das junge deutsche Kaiserreich (1871-1918) gründlich erforscht. Über die Literatur hingegen, die damals zwischen Colmar und Verdun, Nancy und Hagenau entstanden ist, ist nur wenig bekannt. - Es gibt jedoch eine Vielzahl literarischer Stimmen, die zwischen 1871 und 1918 in Elsass-Lothringen geboren worden sind oder dort (zeitweise) gelebt haben und die Erfahrungen mit der preußischen Herrschaft in diesem, seit Jahrhunderten zwischen Deutschland und Frankreich umstrittenen Grenzgebiet verarbeiten. In Auszügen stellt der im Wehrhahn-Verlag gerade erschienene Band literarische Betrachtungen der Lebenswelt und ihrer kulturellen Konflikte im Reichsland heraus. Dokumentiert wird auch die politische Instrumentalisierung der Literatur zu dieser Zeit. Zu Wort kommen dabei René Schickele, Otto Flake, Bernd Isemann, Theodor Fontane, René Bazin, Hans Karl Abel, Friedrich Lienhard, Liesbet Dill, Alfred Pellon, Ernst Moritz Mungenast, Oskar Wöhrle, Eduard Reinacher u.a.

Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist jedoch erforderlich bei der KEB Dillingen, Telefon 06831 7602-0 oder per E-Mail: info@keb-dillingen.de oder  KEB-Saar, Tel. 06831 769264 oder info@keb-saar.de


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Bitte beachten Sie die aktuelle Verlegung des Veranstaltungsortes. Neue Veranstaltungsanschrift: Oswald-von-Nell-Breuning-Haus, Friedrich-Ebert-Straße 14, 66763 Dillingen statt KEB@Punkt! Parken ist rund ums Haus überall kostenlos!

 

Leseproben

Das Reich war stark, aber es war lieblos. Fünfundvierzig Jahre Zeit und unfähig, Neigung zu gewinnen – in einem Land, das so deutsche Anlagen hatte, nur als deutscher Stamm seinen Charakter zurückgewinnen konnte! Aber weil die Liebe fehlte, ist jetzt Erinnerung der Elsässer an die deutsche Herrschaft nur Erinnerung an das Dröhnen des Kommißstiefels, werfen sie sich Frankreich in die Arme, dessen Sprache ihnen Mühe macht, das ihnen nicht erlauben wird, eigenwilliger Stamm mit Zügen zu sein, in denen sich Gottfried von Straßburg, Gailer von Kaysersberg, Martin Schongauer, Johannes Fischart fortgesetzt hätten.
Tragisches, bitteres, grausames Zuspät! Im ersten Jahre des Krieges verabredete man Verteilung der Habe des Bruders: niemand widersprach, denn die Zensur knebelte. Im dritten Jahre des Krieges kehrte man opportunistisch zur Autonomie zurück, und sie war fertig bis auf die Unterschrift – die Unterschrift wurde nie vollzogen. Wer verhinderte sie? Auch das gehört zur Frage nach den Schuldigen im Krieg, sie soll nicht vertuscht werden.
Was bleibt uns? Die Reue, die Entschlossenheit, moralische Bilanz zu ziehen, die Lehre – einziger Gewinn, furchtbar teuer erkauft. Schwur, nichts so unerbittlich zu hassen als Gewalt, nichts so inbrünstig zu suchen als Geist, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, das Reich, auf das sich verwiesen steht: der Besiegte.
Otto Flake, Abschied vom Elsaß (1918)

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Über der Stadt [Metz] lag ein Hauch von Zerstörung und Verfall, an vielen Häusern waren die Läden geschlossen, das Schild „à louer“ oder „à vendre“ hing an jedem zehnten Haus. Die verwilderten Gärten und von hohen Mauern umschlossenen Häuser, deren Besitzer in Frankreich wohnten und sich nicht entschließen konnten, ihre Häuser an Deutsche zu verkaufen und sie lieber verfallen ließen, die Eintönigkeit der Straßen, die Einfachheit der grauen Fronten, die weißen Fensterläden, diese stillen Gassen, in denen jedes Leben erstorben zu sein schien, die kleine Esplanade, auf der das Gras aus dem Pflaster wuchs, mit den gestutzten Akazien, die Kaserne mit dem großen Vorhof und den Emblemen auf den Toren, alles war für Marliese eigenartig und interessant. Das Hauptleben konzentrierte sich auf der breiten Brücke; an allen Ecken wurde Französisch gesprochen, man sprach es jetzt mehr denn je, es war wieder modern, früher legte man Wert darauf, auch Deutsch zu können, jetzt brauchte man das nicht mehr.
Liesbet Dill, Der Tag in Nancy (1915)

in: "Die Grenze war fern. Elsaß-Lothringen im Spiegel der Literatur", hg. Hermann Gätje und Sikander Singh. Hannover: Werhahn Verlag 2019

 

ACHTUNG: Wegen Bauarbeiten wurde der Veranstaltungsort vom  KEB@Punkt ins Dillinger Oswald-von-Nell-Breuning-Haus, Friedrich-Ebert-Straße 14, 66763 Dillingen verlegt!